Es wird Zeit

27 Aug

Ich bin nun schon seit über 48 Stunden wieder zu Hause in Bottrop und bin folglich gut wieder zu Hause angekommen.

Es gibt noch immer die eine oder andere witzige Situation, weil mir das russische Leben noch inne ist, so muss ich erst einmal wieder lernen, dass es in Deutschland so etwas wie Pfandflaschen gibt, Ampeln und Zebrastreifen auch durch aus von den Menschen beachtet werden und ich tatsächlich jedes Wort auf der Straße verstehe – was bei der gängigen Ausdrucksweise eher unangenehm ist.

Jedenfalls freue ich mich den einen oder anderen Menschen bereits getroffen zu haben und viele in Bälde treffen zu können.

Mit meiner Rückkehr ging ein wunderbares Jahr zu Ende, aber es beginnt ja auch ab Oktober wieder ein neuer, völlig anderer Lebensabschnitt, der hoffentlich dem vorherigen qualitativ in nichts nachsteht. Ich werde in Erfurt ein Studium der Staatswissenschaften beginnen (eine Kombination aus Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften).

Ich werde, wie bereits im vorangegangenen Eintrag erwähnt, zuvor noch einmal eine Woche in Perm zur Einarbeitung meines Nachfolgers sein, doch mein Dienst dort ist beendet und damit  finden auch die Zeit und die Aufgabe dieses Blogs zu ihrem Ende.

Ich hoffe interessant und informativ geschrieben zu haben und bedanke mich für über 10.000 Klicks!

Vielleicht könnt ihr mir ja unter diesem letzten Eintrag einen Kommentar hinterlassen, damit ich mal erfahren, wer über dieses Jahr den Blog mitverfolgt hat, das würde mich sehr freuen.

Vielen Dank für das Lesen und kommentieren sowie für das Interesse an Russland und meiner Person!

Auf Wiedersehen! До свидания!

JFG

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Ein Jahr verflog…

24 Aug

Elf Stunden Aufenthalt in Moskau. Damit soll das Jahr also zu Ende sein. Neben mir sitzt ein Ghanaer, der nicht den besten Eindruck von hier aus Russland mitgenommen hat; niemand spreche Englisch und dann seien die Leute auch noch so unfreundlich. Und ich? Ich kann nur widersprechen! Ich war immer bemüht Russisch zu sprechen, aber traf auch auf Leute, die mir mit eher schlechtem als rechten Englisch entgegenkommen wollten. Natürlich ist gutes Englisch hier viel zu selten, aber die Leute sind dafür um so herzlicher.

Oh, werde ich es vermissen,  Russland, Perm, Memorial!

Die letzten Tage habe ich ganz anders geatmet. Die Stadtluft war nicht besser als sonst, aber ich habe versucht noch ein bisschen Perm in mich aufzunehmen. Werde ich hier zum letzten Mal sein? Komm, noch einen tiefen Atemzug von hier! Die neuen Bushaltestellen, die vielen Blumen – alles habe ich noch einmal abfotografiert. Ach, war es toll noch einmal im Bus die Schlaglöcher zu spüren!

Das letzte Mal die Besuche bei meinen Repressierten. Baba Dhenia hat mir zum Abschied eine alte Tasse geschenkt. Eigentlich finde ich ja Tassen verschenken doof, aber genau so eine wollte ich immer haben. Eine Teetasse, wie man sie auch im Zug immer bekommt mit Metallsockel und Glaseinsatz, schon ordentlich alt mit Teeresten von Jahrzenten . Einen schöneres Geschenk hätte sie mir nicht machen können. Und dann steigen ihr die Tränen in die Augen. „Januschka, mein Januschka“, sagt sie „was mach ich ohne Dich!“. Ich bin nicht der erste deutsche Freiwillige bei ihr und auch nicht der letzte, sicherlich war der Abschied der anderen ähnlich, aber das macht es nicht weniger herzlich. Ich drücke sie an mich und mir stehen auch beinah die Tränen in die Augen.

Der Abschied bleibt doch irgendwie merkwürdig, schließlich sehe ich alle in drei Wochen wieder, wenn ich mit Alexander wiederkomme, meinem Nachfolger, um ihm ein wenig zu helfen, so wie es Markus für mich gemacht hat. Dann werde aber nicht mehr ich im Mittelpunkt stehen, dann ist Alexander wichtig und ich nur Beiwerk, so soll es sein und deshalb möchte jetzt schon Abschied nehmen um ihm dann nicht den Raum zu stehlen. Ich hoffe er wird nicht allzu oft hören, wie gut ich war. Die Mystifizierung setzt schnell ein. Heute können wir alle darüber lachen, dass ich am Anfang nicht richtig geputzt habe oder ich viel mehr abgenickt habe als ich verstand, wenn man mit mir sprach. Heute, das ist kein Jahr später. Heute ist es zu Ende. Heute ist alles gut.

JFG

Sommerlager

18 Aug

Nun ist auch schon das Sommerlager einige Tage vorbei und ich verweile hier nur noch ein paar Tage, nicht einmal eine Woche.

Vom Sommerlager kam ich mit allzu vielen Eindrücken wieder – vielen schönen, ein paar belastenden und sehr erschöpft, aber doch zufrieden.

Vor allem die Mischung macht es ja am Ende. Wir waren sechs Deutsche, ein Italiener, eine Estin und vierzehn Russen. Wir haben körperlich gearbeitet in den Wohnungen von Repressierten und geistig uns mit der sowjetischen Geschichte auseinandergesetzt. Wir haben Stoffpuppen gebastelt und Tischtennis gespielt.

Auf der Arbeit war meine Brigade natürlich die beste. Wir haben das Wohnzimmer eines älteren Ehepaares renoviert und später uns auch noch ein bisschen dem Flur gewidmet. Wir, das waren Matteo aus Italien, Mascha aus Udmurtien und Paulina aus Dobrjanka. Wir waren die einzige unserer vier Brigaden in der vier Sprachen (Russisch, Deutsch, Englisch und Italienisch) gesprochen wurden, obwohl wir die kleinste waren.

In der großen Gruppe tat ich mich meist eher schwer mit dem Übersetzen, wodurch Vera wirklich eine Menge Arbeit hatte, doch kompliziertere Themen und Sachverhalte überfordern einfach meine Russischkenntnisse. In der kleinen Gruppe tagsüber hatte ich hingegen richtig Spaß für Matteo den Dolmetscher zu spielen.

Wir haben zunächst die Decke gespachtelt, gestrichen, dann die Wände gespachtelt und tapeziert, Fenster, Leisten und Tür gestrichen und den Laminat am Boden neu geklebt. Anschließend kümmerten wir uns noch um den Flur, wo wir zunächst die alte, nicht mehr ganz feste Farbe von der Decke kratzten. Ich will nicht wissen, was ich da alles eingeatmet habe, auf jeden Fall war es ein wahnsinniger Dreck. Das Streichen der Decke ging dann schnell und das Lackieren der Türen und Schränke war nicht nur viel Arbeit, sondern auch noch weniger lustig, weil die Farbe nicht wasserlöslich ist und die letzten Reste immer noch in meinem Haar verweilen.

Bei all der Arbeit habe ich natürlich auch selbst erst einmal die Vokabeln lernen müssen, was wirklich super war, denn am Ende konnte ich mich ganz gut handwerklich ausdrücken und wenn die nächste Arbeitsmarktkrise kommt, gehe ich einfach als Tapezierer nach Russland oder in die Ukraine oder Belarus…

Die Babuschka schien jedenfalls mit unserer Arbeit ganz zufrieden und buk uns jeden Tag aufs neue einen Kuchen.

Neben der Arbeit gab es natürlich auch kulturelles Programm und ein Höhepunkt waren sicherlich die „Masterclass-Kukly“, traditionelle Stoffpuppen aus der permer Region.

Zunächst sangen und tanzten die Veranstalter in traditionellen Kleidern für uns und dann teilten wir uns in drei Gruppen auf, die Ergebnisse kann man auf den Fotos sehen.

Mein persönlicher Höhepunkt war die Führung mit Robert in Perm-36, denn das ist immer noch das Wichtigste im permer Gebiet und einen besseren Guide als Robert gibt es einfach nicht. Wir haben uns aus Zeitmangel nur mit dem speziellen Lager beschäftigen können, welches das eigentlich Besondere an diesem Lager war. Dort saßen insgesamt nur 56 Gefangene, weil die Kapazität bei 36 Häftlingen lag. Dieses Lager bestand nicht etwa zur Stalinzeit, sondern von 1980 bis 1987. Die extremen Sicherheitsmaßnahmen zeigen die Schizophrenie des Sowjetsystems. Es gab Gefangene, die gemeinsam verurteilt wurden und erst drei Jahre später erfuhren, dass sie dort gemeinsam saßen, weil die Isolation so weit getrieben wurde, dass man eigentlich nur die drei Zellengenossen sah. Verstanden sich die Insassen in der Zelle zu gut, wurde rotiert. Es gab eine Stunde Freigang in einem winzigen Raum.

Es war auch für mich noch einmal sehr interessant, weil ich erstmals eine Übersetzung ins Deutsche bekam und so wirklich alles verstehen konnte.

Fehlen durfte zum Schluss natürlich auch nicht das Schaschlik. Wir fuhren mit einem Boot an einen ruhigen Strand, wo wir ein Lagerfeuer machten über den wir unser Schaschlik brieten. Zwischendurch schwamm ich noch mit Hannes auf die andere Seite zu den protzigen Russen auf Wochenendsbootstour und joggte den Strand entlang.

Am Ende nahmen, denke ich, alle viele freudige Erfahrungen mit und haben viel gelernt.

JFG

Pilorama

31 Jul

„Mein Sohn kommt von der Schule und fragt mich, warum seine Mitschüler sagen, er sei schwarz, obwohl er doch weiße Haut habe.“

Dieser Satz eines Vaters bei einer Diskussion über Nationalismus drückt viel von den Rassismusproblemen in Russland aus.

Was man bei uns vielleicht südländisches Aussehen nennt, wird hier als schwarz bezeichnet und die Probleme zwischen den Ethnien sind hier von besonderer Qualität, denn hier kann nicht von Zuwanderern die Rede sein über deren Integration diskutiert werden könnte. Vielmehr sind es genauso Russen wie die die slawischen Russen, deren Wurzeln auf dem Staatsgebiet der heutigen russischen Nation sind.

An diesem Wochenende fand auf dem Gelände des Gulag-Museums „Perm-36“ das Festival „Pilorama“ statt. An diesem historischen Ort veranstaltet man natürlich kein reines Musikfestival, sondern es finden auch zahlreiche Diskussionen zu Geschichte und Zukunft Russlands statt.

Bei der eben genannten Diskussionen und im Allgemeinen waren zu meiner Überraschung auch zahlreiche Nationalisten und Kommunisten anwesend. Es ist sicherlich im Sinne des demokratischen Diskurses, dass sie den Dialog suchen, doch auf diesem Festival empfand ich sie eher als störend, weil sie mit ihren verbohrten Meinungen eine echte, tiefe Diskussion des Themas verhinderten.

Die Ausstellung gegen falschen Nationalismus trug in Anlehnung an die nationalistische Parole „Russland den Russen“ den Titel „Russland für alle“, woraus nationalistische Stimmen „Russland allen außer den (slawischen) Russen“ lasen. Ein Redner sprach von einer selbstverständlichen Führungsrolle der slawischen Russen in Russland und auch der aggressive Applaus von den wenigen Nationalisten im Raum war furchteinflößend.

Auf der Seite der Minderheitenvertreter wurde versucht sachlich zu diskutieren, wobei es auch hier einen Sonderling gab, der vorschlug auch die Slaven sollten kriminelle Banden bilden, wenn die anderen Ethnien dies täten, damit sie wieder das Gleichgewicht herstellen könnten.

Einig war man sich, dass die Probleme zwischen Ethnien zu sowjetischen Zeiten nicht bestanden bzw. nicht akut waren.

Bei einer anderen Diskussion zur Destalinisierung pfiffen die Kommunisten wieder das alte Lied von den in den 90ern gefälschten Beweisen. Die durch Präsident Jelzin eingesetzte Kommission habe massiv die Unterlage gefälscht. Eine Diskussion hierüber mit den Leuten erscheint zwecklos, weil sie die historischen Fakten einfach nicht akzeptieren wollen.

Michail Gorbatschow war als Gast angekündigt, aber ist leider nicht erschienen und Wolf Biermann habe ich gestern leider verpasst, weil mein Bus bereits abfuhr, trotzdem war es doch sehr interessant und ich war verblüfft, wie viele Teilnehmer auch aus Deutschland extra nach Perm gekommen sind.

Die Miliz war nicht in dem Maße vertreten, wie man es vielleicht erwarten könnte, aber als ich einmal mit Alexander Michailowitsch redete, wurde er stink sauer von Fremden fotografiert zu werden, weil er sie für FSBler hielt, die wohl auch zahlreich anwesend waren. Die Entwarnung von seinen Bekannten, es handle sich um Journalisten einer Zeitung, beruhigte ihn dann aber wieder. Es war nur eine kleine Szene, aber sie war doch auch ein Zeichen für die vorhandene Bewachung durch den FSB, die mich nachdenklich stimmte, denn im Alltäglichen nehme ich ja den Geheimdienst nicht war, was mich dazu verleitet ihn harmloser einzuschätzen als er ist, aber über Memorial höre ich dann doch immer wieder Mal von seinen Machenschaften.

JFG

Jekaterinburg

26 Jul

Am Samstag habe ich einen Tagesausflug nach Jekaterinburg gemacht, wobei die Fahrtzeit weit länger war als der Aufenthalt, aber es ist die größte Stadt im näheren Umfeld (sechs Stunden Zugfahrt) und die wollte ich doch einmal besucht haben. Auf ganz Russland gesehen ist es immer noch die viert größte Stadt.

Historisch bedeutend ist der Platz auf dem sich heute die so genannte „Kirche auf dem Blut“ befindet: Hier wurde in Folge der Oktoberrevolution der letzte Zar, Nikolaus II., mitsamt seiner Familie am 16. bzw. 17.  Juli 1918 ermordet, obwohl sie sich bereits im Exil befanden. Durch die Auslöschung der Romanow-Dynastie sollte eine Rückkehr zum Zarenreich verhindert werden.

Ab 1924 hieß die Stadt Swerdlow und wurde erst in Folge des Zusammenbruchs der Sowjetunion 1991 wieder nach Katharina der Großen benannt.

Vom Stadtbild hatte ich einen zwiespältigen Eindruck, denn einerseits gibt es wunderschöne alte Gebäude, aber andererseits tue ich mich doch mit der modernen russischen Bebauung mittlerweile schwer. Hochhäuser mit Plastikkachelfassade sind doch sehr speziell, aber eben gerade voll im russischen Trend…

Ich hatte vergessen meinen Kamera-Akku zu laden, weshalb ich nicht ganz so viele Fotos machen konnte, wie geplant, aber an den wenigen entstandenen Fotos bevor der Akku den Geist aufgab, möchte ich euch teilhaben lassen.

JFG

Straflager heute

22 Jul

http://www.faz.net/artikel/C31435/im-straflager-der-kleine-oligarch-30465313.html

Heute möchte ich einen Artikel der FAZ empfehlen, der aufgrund seiner Länge eines gewissen Maßes an Zeit bedarf, aber sich dennoch lohnt, denn der beschriebene Fall von Justizwillkür zeigt – fernab vom populären Fall Chodorkowski – wie es zur Verurteilung von „Ökonomischen“ kommt und vor allem werden auch die Haftbedingungen beschrieben, welche in einem korrupten System durch Schmiergelder deutlich beeinflusst werden können.

Besonderen Bezug zu meinem Blog gewinnt der Fall dadurch, dass Alexej Koslov derzeit in einem Straflager der Region Perm inhaftiert ist und die verwendeten Bilder aus dem heutigen Gulag-Museum „Perm-36“ stammen.

 

Russische Orthodoxie

17 Jul

Die Möglichkeit eine katholische Kirch in Perm besuchen zu können hat mir die Notwendigkeit genommen mich eingehend mit dem orthodoxen Christentum eindringlich zu beschäftigen, aber in der katholischen Kirche lernte ich bereits früh Alexej kennen, der mir immer gern Einblick in sein geschichtliches und kirchengeschichtliches Wissen gibt.

Gestern hatte er mich anlässlich seines Geburtstags eingeladen mit ihm und zwei Mädels aus der katholischen Gemeinde (eigentlich beide auch orthodox) ein wenig aus der Stadt herauszufahren in ein kleines Dorf.  Dort ist er beinah jeden Samstag und besucht zunächst immer am Morgen die Messe, was wir  dann auch taten.

Bereits der Kirchenraum unterscheidet sich deutlich von den unseren.

Es gibt beispielsweise keine Sitz- oder Kniebänke, sondern man steht die gesamte Zeit, was bei einem Gottesdienst über drei Stunden schon ganz schön anstrengend werden kann.­ Wie lang unsere Messe dauerte, kann ich nicht sagen, weil ich weder vorher noch nachher auf die Uhr schaute und viel zu sehr vom Gottesdienst gebannt, als dass ich ein Zeitgefühl gehabt hätte, doch ich denke, ganz so lang war es nicht.

Ein weiterer Unterschied ist die räumliche Trennung des Altars vom restlichen Kirchenraum. Ich kann nicht genau sagen bei welchen Gottesdienstelementen dies der Fall ist, aber die beiden Türen an den Seiten und der Vorhang in der Mitte werden zu bestimmten Zeiten während der Messe geschlossen. Zur Wandlung sind sie jedenfalls offen.

An den Wänden hängen in orthodoxen Kirchen zahlreiche einzeln gerahmte Ikonen vor denen Kerzen entzündet und gebetet wird.

In dieser kleinen Kirche war es so, dass der Boden mit Teppichen ausgelegt war und vor der Tür die Schuhe ausgezogen werden mussten.

So viel zunächst einmal zu den räumlichen Unterschieden.

In der Messe fiel mir besonders die Passivität der Gläubigen, aber auch des Priesters auf. Außerdem die Wiederholung der gesungenen Gebete.

Die meiste Zeit singt vorne ein Chor oder es singen einzelne Personen die Messe während die Gläubigen sich immer wieder andächtig bekreuzigen und eine Verbeugung an das Kreuzzeichen anschließen. Diese Gesänge sind immer nur sehr kurz und werden einige Minuten wiederholt.

Durch die lange Dauer der Liturgie, an der aus theologischen Gründen keine großen Veränderungen vorgenommen werden dürfen – es besteht eine ausgeprägte Verpflichtung gegenüber den alten Kirchenvätern, in diesem Fall gegenüber Johannes Chrysostomus (344/349 – 407), auf den die Liturgie zurückgeht – entstand sogar zeitweise eine Unart des Singens verschiedener Teile der Messe von unterschiedlichen Chören parallel um die Messe zu verkürzen.

Zwischendurch beweihräuchert der Priester den Altar und betet dabei, aber ich konnte nichts verstehen, weil die Messen nicht auf Russisch, sondern Kirchenslawisch gefeiert werden, doch einmal erkannte ich eine Heiligenlitanei.

Die meiste Zeit ist der Priester aber damit beschäftigt die Beichte der Gläubigen abzunehmen. In dieser kleinen Kirche war das ablegen der Beichte sogar (nicht nur in der theologischen Theorie) notwendig um die Eucharistie empfangen zu dürfen, aber als Katholik war ich eh nicht zum Mahl des Herrn geladen, weil die beiden Kirchen die Taufe des jeweils anderen nicht anerkennen.

Das große Schisma zwischen Orthodoxie und Katholizismus wird in der Regel auf das Jahr 1054 datiert, doch die Entwicklung zu einer solchen Spaltung beginnt weit früher.

Wir sprechen also von zwei Kirchen, die sich die letzten 1500 Jahre auseinander entwickelt haben, was es unglaublich schwierig macht Vergleiche zu ziehen und noch weniger lässt sich über die andere Kirche urteilen.

Ich bin durch meine westliche Sozialisation einfach vertrauter mit dem katholischen Glauben und wenn ich von orthodoxen Jugendlichen schreibe, die die katholische Kirche gerne besuchen, ist das auf die für sie modern und liberal erscheinende Liturgie und Glaubenslehre der katholischen Kirche zurück zu führen – vergleichbar mit der großen Anziehungskraft freievangelischer Bewegungen in Deutschland.

Aus orthodoxer Sicht war es die Katholische Kirche, die sich von ihr entfernt hat, weil sie selbst immer um größtmögliche Kontinuität und den Erhalt der bestehenden Glaubenslehre und Praxis bedacht war, doch diese Variante erscheint mir persönlich etwas zu simpel.

In einer sich entwickelnden Gesellschaft besteht die Notwendigkeit der Adaption, sonst verlieren Welt und Religion die Verbindung zueinander.

In Deutschland kann hierfür das Beispiel der lutherischen Reformation dienen, welche auch tief in die katholische Glaubenslehre gewirkt hat, weil eben eine solche Entfremdung von Welt und Religion stattgefunden hatte, die für Unmut bei den Menschen sorgte.

Die orthodoxe Denkweise dagegen wird eine solche Anpassung nie akzeptieren können, weil sie sich bereits früh darauf festgelegt hat, den Glauben an die erste Stelle – unabhängig jeglicher Entwicklung – zu stellen, was auch dafür sorgt, dass es beinah unmöglich ist als außerhalb des Klosters lebender Mensch, der seiner Arbeit nachgehen muss, alle Glaubenspflichten einzuhalten.

Dies ist, das möchte ich betonen, keine Kritik, denn es ist natürlich nur konsequent als Gläubiger Gott mehr Bedeutung als dem Weltlichen zu schenken.

Es gibt aber auch auf die Frage, ob dies das Interesse Gottes sein kann zwei Antworten: die westliche und die östliche.

Wem diese Ausführungen vielleicht zu hoch waren, und ich habe vielleicht auch nicht immer deutlich genug ausformuliert, worum es geht, dem möchte ich sagen, dass ich im Anschluss an den Gottesdienst noch einen schönen Tag in der dörflichen Natur hatte mit netten Gesprächen fernab der Theologie.

Am Schluss wurden wir dann noch das Priester zum Tee eingeladen und sein Angestellter  – so möchte ich ihn mal nennen aus Ermangelung eines besseren Wortes – fuhr uns zurück in die Stadt.