Es wird Zeit

27 Aug

Ich bin nun schon seit über 48 Stunden wieder zu Hause in Bottrop und bin folglich gut wieder zu Hause angekommen.

Es gibt noch immer die eine oder andere witzige Situation, weil mir das russische Leben noch inne ist, so muss ich erst einmal wieder lernen, dass es in Deutschland so etwas wie Pfandflaschen gibt, Ampeln und Zebrastreifen auch durch aus von den Menschen beachtet werden und ich tatsächlich jedes Wort auf der Straße verstehe – was bei der gängigen Ausdrucksweise eher unangenehm ist.

Jedenfalls freue ich mich den einen oder anderen Menschen bereits getroffen zu haben und viele in Bälde treffen zu können.

Mit meiner Rückkehr ging ein wunderbares Jahr zu Ende, aber es beginnt ja auch ab Oktober wieder ein neuer, völlig anderer Lebensabschnitt, der hoffentlich dem vorherigen qualitativ in nichts nachsteht. Ich werde in Erfurt ein Studium der Staatswissenschaften beginnen (eine Kombination aus Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften).

Ich werde, wie bereits im vorangegangenen Eintrag erwähnt, zuvor noch einmal eine Woche in Perm zur Einarbeitung meines Nachfolgers sein, doch mein Dienst dort ist beendet und damit  finden auch die Zeit und die Aufgabe dieses Blogs zu ihrem Ende.

Ich hoffe interessant und informativ geschrieben zu haben und bedanke mich für über 10.000 Klicks!

Vielleicht könnt ihr mir ja unter diesem letzten Eintrag einen Kommentar hinterlassen, damit ich mal erfahren, wer über dieses Jahr den Blog mitverfolgt hat, das würde mich sehr freuen.

Vielen Dank für das Lesen und kommentieren sowie für das Interesse an Russland und meiner Person!

Auf Wiedersehen! До свидания!

JFG

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Ein Jahr verflog…

24 Aug

Elf Stunden Aufenthalt in Moskau. Damit soll das Jahr also zu Ende sein. Neben mir sitzt ein Ghanaer, der nicht den besten Eindruck von hier aus Russland mitgenommen hat; niemand spreche Englisch und dann seien die Leute auch noch so unfreundlich. Und ich? Ich kann nur widersprechen! Ich war immer bemüht Russisch zu sprechen, aber traf auch auf Leute, die mir mit eher schlechtem als rechten Englisch entgegenkommen wollten. Natürlich ist gutes Englisch hier viel zu selten, aber die Leute sind dafür um so herzlicher.

Oh, werde ich es vermissen,  Russland, Perm, Memorial!

Die letzten Tage habe ich ganz anders geatmet. Die Stadtluft war nicht besser als sonst, aber ich habe versucht noch ein bisschen Perm in mich aufzunehmen. Werde ich hier zum letzten Mal sein? Komm, noch einen tiefen Atemzug von hier! Die neuen Bushaltestellen, die vielen Blumen – alles habe ich noch einmal abfotografiert. Ach, war es toll noch einmal im Bus die Schlaglöcher zu spüren!

Das letzte Mal die Besuche bei meinen Repressierten. Baba Dhenia hat mir zum Abschied eine alte Tasse geschenkt. Eigentlich finde ich ja Tassen verschenken doof, aber genau so eine wollte ich immer haben. Eine Teetasse, wie man sie auch im Zug immer bekommt mit Metallsockel und Glaseinsatz, schon ordentlich alt mit Teeresten von Jahrzenten . Einen schöneres Geschenk hätte sie mir nicht machen können. Und dann steigen ihr die Tränen in die Augen. „Januschka, mein Januschka“, sagt sie „was mach ich ohne Dich!“. Ich bin nicht der erste deutsche Freiwillige bei ihr und auch nicht der letzte, sicherlich war der Abschied der anderen ähnlich, aber das macht es nicht weniger herzlich. Ich drücke sie an mich und mir stehen auch beinah die Tränen in die Augen.

Der Abschied bleibt doch irgendwie merkwürdig, schließlich sehe ich alle in drei Wochen wieder, wenn ich mit Alexander wiederkomme, meinem Nachfolger, um ihm ein wenig zu helfen, so wie es Markus für mich gemacht hat. Dann werde aber nicht mehr ich im Mittelpunkt stehen, dann ist Alexander wichtig und ich nur Beiwerk, so soll es sein und deshalb möchte jetzt schon Abschied nehmen um ihm dann nicht den Raum zu stehlen. Ich hoffe er wird nicht allzu oft hören, wie gut ich war. Die Mystifizierung setzt schnell ein. Heute können wir alle darüber lachen, dass ich am Anfang nicht richtig geputzt habe oder ich viel mehr abgenickt habe als ich verstand, wenn man mit mir sprach. Heute, das ist kein Jahr später. Heute ist es zu Ende. Heute ist alles gut.

JFG

Sommerlager

18 Aug

Nun ist auch schon das Sommerlager einige Tage vorbei und ich verweile hier nur noch ein paar Tage, nicht einmal eine Woche.

Vom Sommerlager kam ich mit allzu vielen Eindrücken wieder – vielen schönen, ein paar belastenden und sehr erschöpft, aber doch zufrieden.

Vor allem die Mischung macht es ja am Ende. Wir waren sechs Deutsche, ein Italiener, eine Estin und vierzehn Russen. Wir haben körperlich gearbeitet in den Wohnungen von Repressierten und geistig uns mit der sowjetischen Geschichte auseinandergesetzt. Wir haben Stoffpuppen gebastelt und Tischtennis gespielt.

Auf der Arbeit war meine Brigade natürlich die beste. Wir haben das Wohnzimmer eines älteren Ehepaares renoviert und später uns auch noch ein bisschen dem Flur gewidmet. Wir, das waren Matteo aus Italien, Mascha aus Udmurtien und Paulina aus Dobrjanka. Wir waren die einzige unserer vier Brigaden in der vier Sprachen (Russisch, Deutsch, Englisch und Italienisch) gesprochen wurden, obwohl wir die kleinste waren.

In der großen Gruppe tat ich mich meist eher schwer mit dem Übersetzen, wodurch Vera wirklich eine Menge Arbeit hatte, doch kompliziertere Themen und Sachverhalte überfordern einfach meine Russischkenntnisse. In der kleinen Gruppe tagsüber hatte ich hingegen richtig Spaß für Matteo den Dolmetscher zu spielen.

Wir haben zunächst die Decke gespachtelt, gestrichen, dann die Wände gespachtelt und tapeziert, Fenster, Leisten und Tür gestrichen und den Laminat am Boden neu geklebt. Anschließend kümmerten wir uns noch um den Flur, wo wir zunächst die alte, nicht mehr ganz feste Farbe von der Decke kratzten. Ich will nicht wissen, was ich da alles eingeatmet habe, auf jeden Fall war es ein wahnsinniger Dreck. Das Streichen der Decke ging dann schnell und das Lackieren der Türen und Schränke war nicht nur viel Arbeit, sondern auch noch weniger lustig, weil die Farbe nicht wasserlöslich ist und die letzten Reste immer noch in meinem Haar verweilen.

Bei all der Arbeit habe ich natürlich auch selbst erst einmal die Vokabeln lernen müssen, was wirklich super war, denn am Ende konnte ich mich ganz gut handwerklich ausdrücken und wenn die nächste Arbeitsmarktkrise kommt, gehe ich einfach als Tapezierer nach Russland oder in die Ukraine oder Belarus…

Die Babuschka schien jedenfalls mit unserer Arbeit ganz zufrieden und buk uns jeden Tag aufs neue einen Kuchen.

Neben der Arbeit gab es natürlich auch kulturelles Programm und ein Höhepunkt waren sicherlich die „Masterclass-Kukly“, traditionelle Stoffpuppen aus der permer Region.

Zunächst sangen und tanzten die Veranstalter in traditionellen Kleidern für uns und dann teilten wir uns in drei Gruppen auf, die Ergebnisse kann man auf den Fotos sehen.

Mein persönlicher Höhepunkt war die Führung mit Robert in Perm-36, denn das ist immer noch das Wichtigste im permer Gebiet und einen besseren Guide als Robert gibt es einfach nicht. Wir haben uns aus Zeitmangel nur mit dem speziellen Lager beschäftigen können, welches das eigentlich Besondere an diesem Lager war. Dort saßen insgesamt nur 56 Gefangene, weil die Kapazität bei 36 Häftlingen lag. Dieses Lager bestand nicht etwa zur Stalinzeit, sondern von 1980 bis 1987. Die extremen Sicherheitsmaßnahmen zeigen die Schizophrenie des Sowjetsystems. Es gab Gefangene, die gemeinsam verurteilt wurden und erst drei Jahre später erfuhren, dass sie dort gemeinsam saßen, weil die Isolation so weit getrieben wurde, dass man eigentlich nur die drei Zellengenossen sah. Verstanden sich die Insassen in der Zelle zu gut, wurde rotiert. Es gab eine Stunde Freigang in einem winzigen Raum.

Es war auch für mich noch einmal sehr interessant, weil ich erstmals eine Übersetzung ins Deutsche bekam und so wirklich alles verstehen konnte.

Fehlen durfte zum Schluss natürlich auch nicht das Schaschlik. Wir fuhren mit einem Boot an einen ruhigen Strand, wo wir ein Lagerfeuer machten über den wir unser Schaschlik brieten. Zwischendurch schwamm ich noch mit Hannes auf die andere Seite zu den protzigen Russen auf Wochenendsbootstour und joggte den Strand entlang.

Am Ende nahmen, denke ich, alle viele freudige Erfahrungen mit und haben viel gelernt.

JFG

Pilorama

31 Jul

„Mein Sohn kommt von der Schule und fragt mich, warum seine Mitschüler sagen, er sei schwarz, obwohl er doch weiße Haut habe.“

Dieser Satz eines Vaters bei einer Diskussion über Nationalismus drückt viel von den Rassismusproblemen in Russland aus.

Was man bei uns vielleicht südländisches Aussehen nennt, wird hier als schwarz bezeichnet und die Probleme zwischen den Ethnien sind hier von besonderer Qualität, denn hier kann nicht von Zuwanderern die Rede sein über deren Integration diskutiert werden könnte. Vielmehr sind es genauso Russen wie die die slawischen Russen, deren Wurzeln auf dem Staatsgebiet der heutigen russischen Nation sind.

An diesem Wochenende fand auf dem Gelände des Gulag-Museums „Perm-36“ das Festival „Pilorama“ statt. An diesem historischen Ort veranstaltet man natürlich kein reines Musikfestival, sondern es finden auch zahlreiche Diskussionen zu Geschichte und Zukunft Russlands statt.

Bei der eben genannten Diskussionen und im Allgemeinen waren zu meiner Überraschung auch zahlreiche Nationalisten und Kommunisten anwesend. Es ist sicherlich im Sinne des demokratischen Diskurses, dass sie den Dialog suchen, doch auf diesem Festival empfand ich sie eher als störend, weil sie mit ihren verbohrten Meinungen eine echte, tiefe Diskussion des Themas verhinderten.

Die Ausstellung gegen falschen Nationalismus trug in Anlehnung an die nationalistische Parole „Russland den Russen“ den Titel „Russland für alle“, woraus nationalistische Stimmen „Russland allen außer den (slawischen) Russen“ lasen. Ein Redner sprach von einer selbstverständlichen Führungsrolle der slawischen Russen in Russland und auch der aggressive Applaus von den wenigen Nationalisten im Raum war furchteinflößend.

Auf der Seite der Minderheitenvertreter wurde versucht sachlich zu diskutieren, wobei es auch hier einen Sonderling gab, der vorschlug auch die Slaven sollten kriminelle Banden bilden, wenn die anderen Ethnien dies täten, damit sie wieder das Gleichgewicht herstellen könnten.

Einig war man sich, dass die Probleme zwischen Ethnien zu sowjetischen Zeiten nicht bestanden bzw. nicht akut waren.

Bei einer anderen Diskussion zur Destalinisierung pfiffen die Kommunisten wieder das alte Lied von den in den 90ern gefälschten Beweisen. Die durch Präsident Jelzin eingesetzte Kommission habe massiv die Unterlage gefälscht. Eine Diskussion hierüber mit den Leuten erscheint zwecklos, weil sie die historischen Fakten einfach nicht akzeptieren wollen.

Michail Gorbatschow war als Gast angekündigt, aber ist leider nicht erschienen und Wolf Biermann habe ich gestern leider verpasst, weil mein Bus bereits abfuhr, trotzdem war es doch sehr interessant und ich war verblüfft, wie viele Teilnehmer auch aus Deutschland extra nach Perm gekommen sind.

Die Miliz war nicht in dem Maße vertreten, wie man es vielleicht erwarten könnte, aber als ich einmal mit Alexander Michailowitsch redete, wurde er stink sauer von Fremden fotografiert zu werden, weil er sie für FSBler hielt, die wohl auch zahlreich anwesend waren. Die Entwarnung von seinen Bekannten, es handle sich um Journalisten einer Zeitung, beruhigte ihn dann aber wieder. Es war nur eine kleine Szene, aber sie war doch auch ein Zeichen für die vorhandene Bewachung durch den FSB, die mich nachdenklich stimmte, denn im Alltäglichen nehme ich ja den Geheimdienst nicht war, was mich dazu verleitet ihn harmloser einzuschätzen als er ist, aber über Memorial höre ich dann doch immer wieder Mal von seinen Machenschaften.

JFG

Jekaterinburg

26 Jul

Am Samstag habe ich einen Tagesausflug nach Jekaterinburg gemacht, wobei die Fahrtzeit weit länger war als der Aufenthalt, aber es ist die größte Stadt im näheren Umfeld (sechs Stunden Zugfahrt) und die wollte ich doch einmal besucht haben. Auf ganz Russland gesehen ist es immer noch die viert größte Stadt.

Historisch bedeutend ist der Platz auf dem sich heute die so genannte „Kirche auf dem Blut“ befindet: Hier wurde in Folge der Oktoberrevolution der letzte Zar, Nikolaus II., mitsamt seiner Familie am 16. bzw. 17.  Juli 1918 ermordet, obwohl sie sich bereits im Exil befanden. Durch die Auslöschung der Romanow-Dynastie sollte eine Rückkehr zum Zarenreich verhindert werden.

Ab 1924 hieß die Stadt Swerdlow und wurde erst in Folge des Zusammenbruchs der Sowjetunion 1991 wieder nach Katharina der Großen benannt.

Vom Stadtbild hatte ich einen zwiespältigen Eindruck, denn einerseits gibt es wunderschöne alte Gebäude, aber andererseits tue ich mich doch mit der modernen russischen Bebauung mittlerweile schwer. Hochhäuser mit Plastikkachelfassade sind doch sehr speziell, aber eben gerade voll im russischen Trend…

Ich hatte vergessen meinen Kamera-Akku zu laden, weshalb ich nicht ganz so viele Fotos machen konnte, wie geplant, aber an den wenigen entstandenen Fotos bevor der Akku den Geist aufgab, möchte ich euch teilhaben lassen.

JFG

Straflager heute

22 Jul

http://www.faz.net/artikel/C31435/im-straflager-der-kleine-oligarch-30465313.html

Heute möchte ich einen Artikel der FAZ empfehlen, der aufgrund seiner Länge eines gewissen Maßes an Zeit bedarf, aber sich dennoch lohnt, denn der beschriebene Fall von Justizwillkür zeigt – fernab vom populären Fall Chodorkowski – wie es zur Verurteilung von „Ökonomischen“ kommt und vor allem werden auch die Haftbedingungen beschrieben, welche in einem korrupten System durch Schmiergelder deutlich beeinflusst werden können.

Besonderen Bezug zu meinem Blog gewinnt der Fall dadurch, dass Alexej Koslov derzeit in einem Straflager der Region Perm inhaftiert ist und die verwendeten Bilder aus dem heutigen Gulag-Museum „Perm-36“ stammen.

 

Russische Orthodoxie

17 Jul

Die Möglichkeit eine katholische Kirch in Perm besuchen zu können hat mir die Notwendigkeit genommen mich eingehend mit dem orthodoxen Christentum eindringlich zu beschäftigen, aber in der katholischen Kirche lernte ich bereits früh Alexej kennen, der mir immer gern Einblick in sein geschichtliches und kirchengeschichtliches Wissen gibt.

Gestern hatte er mich anlässlich seines Geburtstags eingeladen mit ihm und zwei Mädels aus der katholischen Gemeinde (eigentlich beide auch orthodox) ein wenig aus der Stadt herauszufahren in ein kleines Dorf.  Dort ist er beinah jeden Samstag und besucht zunächst immer am Morgen die Messe, was wir  dann auch taten.

Bereits der Kirchenraum unterscheidet sich deutlich von den unseren.

Es gibt beispielsweise keine Sitz- oder Kniebänke, sondern man steht die gesamte Zeit, was bei einem Gottesdienst über drei Stunden schon ganz schön anstrengend werden kann.­ Wie lang unsere Messe dauerte, kann ich nicht sagen, weil ich weder vorher noch nachher auf die Uhr schaute und viel zu sehr vom Gottesdienst gebannt, als dass ich ein Zeitgefühl gehabt hätte, doch ich denke, ganz so lang war es nicht.

Ein weiterer Unterschied ist die räumliche Trennung des Altars vom restlichen Kirchenraum. Ich kann nicht genau sagen bei welchen Gottesdienstelementen dies der Fall ist, aber die beiden Türen an den Seiten und der Vorhang in der Mitte werden zu bestimmten Zeiten während der Messe geschlossen. Zur Wandlung sind sie jedenfalls offen.

An den Wänden hängen in orthodoxen Kirchen zahlreiche einzeln gerahmte Ikonen vor denen Kerzen entzündet und gebetet wird.

In dieser kleinen Kirche war es so, dass der Boden mit Teppichen ausgelegt war und vor der Tür die Schuhe ausgezogen werden mussten.

So viel zunächst einmal zu den räumlichen Unterschieden.

In der Messe fiel mir besonders die Passivität der Gläubigen, aber auch des Priesters auf. Außerdem die Wiederholung der gesungenen Gebete.

Die meiste Zeit singt vorne ein Chor oder es singen einzelne Personen die Messe während die Gläubigen sich immer wieder andächtig bekreuzigen und eine Verbeugung an das Kreuzzeichen anschließen. Diese Gesänge sind immer nur sehr kurz und werden einige Minuten wiederholt.

Durch die lange Dauer der Liturgie, an der aus theologischen Gründen keine großen Veränderungen vorgenommen werden dürfen – es besteht eine ausgeprägte Verpflichtung gegenüber den alten Kirchenvätern, in diesem Fall gegenüber Johannes Chrysostomus (344/349 – 407), auf den die Liturgie zurückgeht – entstand sogar zeitweise eine Unart des Singens verschiedener Teile der Messe von unterschiedlichen Chören parallel um die Messe zu verkürzen.

Zwischendurch beweihräuchert der Priester den Altar und betet dabei, aber ich konnte nichts verstehen, weil die Messen nicht auf Russisch, sondern Kirchenslawisch gefeiert werden, doch einmal erkannte ich eine Heiligenlitanei.

Die meiste Zeit ist der Priester aber damit beschäftigt die Beichte der Gläubigen abzunehmen. In dieser kleinen Kirche war das ablegen der Beichte sogar (nicht nur in der theologischen Theorie) notwendig um die Eucharistie empfangen zu dürfen, aber als Katholik war ich eh nicht zum Mahl des Herrn geladen, weil die beiden Kirchen die Taufe des jeweils anderen nicht anerkennen.

Das große Schisma zwischen Orthodoxie und Katholizismus wird in der Regel auf das Jahr 1054 datiert, doch die Entwicklung zu einer solchen Spaltung beginnt weit früher.

Wir sprechen also von zwei Kirchen, die sich die letzten 1500 Jahre auseinander entwickelt haben, was es unglaublich schwierig macht Vergleiche zu ziehen und noch weniger lässt sich über die andere Kirche urteilen.

Ich bin durch meine westliche Sozialisation einfach vertrauter mit dem katholischen Glauben und wenn ich von orthodoxen Jugendlichen schreibe, die die katholische Kirche gerne besuchen, ist das auf die für sie modern und liberal erscheinende Liturgie und Glaubenslehre der katholischen Kirche zurück zu führen – vergleichbar mit der großen Anziehungskraft freievangelischer Bewegungen in Deutschland.

Aus orthodoxer Sicht war es die Katholische Kirche, die sich von ihr entfernt hat, weil sie selbst immer um größtmögliche Kontinuität und den Erhalt der bestehenden Glaubenslehre und Praxis bedacht war, doch diese Variante erscheint mir persönlich etwas zu simpel.

In einer sich entwickelnden Gesellschaft besteht die Notwendigkeit der Adaption, sonst verlieren Welt und Religion die Verbindung zueinander.

In Deutschland kann hierfür das Beispiel der lutherischen Reformation dienen, welche auch tief in die katholische Glaubenslehre gewirkt hat, weil eben eine solche Entfremdung von Welt und Religion stattgefunden hatte, die für Unmut bei den Menschen sorgte.

Die orthodoxe Denkweise dagegen wird eine solche Anpassung nie akzeptieren können, weil sie sich bereits früh darauf festgelegt hat, den Glauben an die erste Stelle – unabhängig jeglicher Entwicklung – zu stellen, was auch dafür sorgt, dass es beinah unmöglich ist als außerhalb des Klosters lebender Mensch, der seiner Arbeit nachgehen muss, alle Glaubenspflichten einzuhalten.

Dies ist, das möchte ich betonen, keine Kritik, denn es ist natürlich nur konsequent als Gläubiger Gott mehr Bedeutung als dem Weltlichen zu schenken.

Es gibt aber auch auf die Frage, ob dies das Interesse Gottes sein kann zwei Antworten: die westliche und die östliche.

Wem diese Ausführungen vielleicht zu hoch waren, und ich habe vielleicht auch nicht immer deutlich genug ausformuliert, worum es geht, dem möchte ich sagen, dass ich im Anschluss an den Gottesdienst noch einen schönen Tag in der dörflichen Natur hatte mit netten Gesprächen fernab der Theologie.

Am Schluss wurden wir dann noch das Priester zum Tee eingeladen und sein Angestellter  – so möchte ich ihn mal nennen aus Ermangelung eines besseren Wortes – fuhr uns zurück in die Stadt.

Geburtstag in der Ferne

8 Jul

Ein wenig merkwürdig war es schon den Geburtstag fern von Freunden und Familie zu feiern, zumal hier auch viele Bekanntschaften bereits ausgereist sind (von ausländischer Seite) oder im Urlaub sind, sodass ich es erst gar nicht mit einer großen Feier versucht habe.

Stattdessen bin ich einfach mit Caroline nett essen gegangen und habe mit ihr reingefeiert, was ich wirklich super fand.

Am nächsten Morgen ging ich dann schon in aller Frühe joggen war bei jedem Blick auf meine neue Uhr (danke Mama und Papa) stolz, denn 10,15km in 44,41min. fand ich für das bisschen Training schon ziemlich gut.

Danach ging es unter die kalte Dusche, denn anscheinend ist mir im Sommer in meiner Wohnung kein warmes Wasser vergönnt, aber das härtet ja bekanntlich ab.

Anschließend ging es zum Blinies essen mit – natürlich – Caroline.

Der Rest des Tages war nicht allzu spektakulär und der Abend auch ein wenig einsam, weil meine Hoffnung, am Abend doch wieder Internet zu haben, doch nicht bestätigt wurde.

Alles in allem war es aber ein netter Tag und heute konnte ich dann ja auch alle Glückwünsche lesen – dafür vielen Dank!

JFG

Sankt Petersburg (2)

24 Jun

Seit gestern bin ich nun wieder in Berlin zu meiner letzten Visumsverlängerung, aber eigentlich bin ich noch völlig verzaubert von Sankt Petersburg.

Am Sonntag habe ich, wie angekündigt, noch einmal die Eremitage besucht und mich vor allem den Werken des 19. und 20. Jahrhundert gewidmet, was meinem Kunstgeschmack etwas mehr entspricht als die früheren Zeiten, wobei das eine mit dem anderen nicht zu vergleichen ist. Mit eine Vielzahl von Bildern Picassos erfuhr das 20. Jahrhundert dann aber doch ein jähes Ende, aber vielleicht ist das ein gelungenes zeitliches Ende für dieses Museum, weil die Unmenge an dann folgenden Strömungen, glaube ich, sich nur schwer in diese schon so sehr komplexe Sammlung fügen ließe.

Auch der Sonntag reichte noch nicht aus um alles gesehen zu haben, aber ich habe auch nicht wieder die ganzen siebeneinhalb Stunden dort verbracht, sondern habe noch vorher den die Messe des Trinitätsfestes in der katholischen Kirche auf dem Nevskij-Prospekt in englischer Sprache gefeiert. Das Thema der Trinität ist mir ja aus meiner Facharbeit noch gut bekannt, aber leider widmete sich der Pater mit dem schönen Englisch lieber der historischen Entwicklung dieses Glaubenssatzes als wirklich inhaltlich etwas über ihn zu sagen.

Wirklich enttäuscht wurde ich am Montag in den evangelisch-lutherischen Kirchen. Nachdem ich so viel in Museen gestanden hatte, brauchten meine Gelenke wieder eine Auflockerung und so schlenderte ich mehr den Tag durch die Stadt – schaute hier und dort. Dabei musste ich feststellen, dass in den evangelischen Kirchen eine andere Kultur zu herrschen scheint als ich es gewohnt bin. Sie sind zwar offen gewesen, aber beim Betreten erklärte man mir jedes Mal, ich könne gerne zum Gottesdienst wiederkommen, doch sonst sei die Kirche nicht zugänglich, was ich so hinnehmen musste.

Am Dienstag ließen meine Beine dann wieder einen Museumsbesuch zu. Ich war in der Kunstkamera, dem anthropologischen Museum, das auf der Sammlung von Peter dem I. aufbaut. Erst am Vortag hatte ich erfahren, warum die Kunstkamera eigentlich so  beliebt ist bei Touristen. Dort ist die Privatsammlung Frederik Ruyschs zu sehen, eines Arztes aus dem 17./18. Jahrhundert, der allerlei missgebildete menschliche Föten präpariere und sammelte. Neben den verschiedensten siamesischen Zwillingen auch ein Kind mit nach außen gewachsenem Gehirn und solche Dinge. Ich war eigentlich nur angewidert – vor allem vom Voyeurismus der Leute.

Mir sagte viel mehr eine Geschichte aus Guinea zu:

Europäische Erkunder beobachteten dort  an der Küste einen Einheimischen, der vor der Menschenmenge floh, doch wider der ersten Annahme handelte es sich nicht um einen Dieb oder ähnliches, sondern es ging um die Herrschaftsnachfolge. Nach dem Tod des Herrschers gab es immer einige Nachfolgekandidaten, doch keiner wollte herrschen, denn das bedeutete auf gewisse Privilegien verzichten zu müssen, wie dem öffentlichen Essen oder dem barfüßig Laufen. Daher rannten alle Kandidaten weg und der zuerst Gefangene musste die Herrscherposition bekleiden. Von einem solchen Verständnis von Machtpositionen können wir doch noch viel lernen…

Den letzten Tag fuhr ich etwas aus der Stadt heraus und durfte mal wieder die große Hilfsbereitschaft der Russen erfahren, die sich häufig hinter einer scheinbar mürrischen Art, verbirgt.

Ich wollte zum Peterhof fahren, einem Schloss Peters des Großen mit einer weiten Parkanlage, doch viel mehr wusste ich auch nicht, daher entging mir auch bei der Fahrt mit der Marschrutka, einem Kleinbus, dass ich bereits aussteigen hätte müssen als der Fahrer „Springbrunnen“ rief, denn durch diese zeichnet sich der Park aus.

Als der Fahrer meinen Fahrer bemerkte, schickte er mich an der nächsten Station zu einer in Gegenrichtung gerade haltenden Marschrutka und wies den Fahrer an mich doch beim Peterhof raus zu lassen.

Ganz ähnliches passierte mir dann auch auf der Rückfahrt, denn der in meinem Reiseführer angegebene Bus fuhr keineswegs ins Zentrum Petersburgs, sodass ich völlig falsch fuhr, aber als ich dann an der Endstation aussteigen musste und ein paar Minuten später wieder in den gleichen Bus, der jetzt in die Gegenrichtung zurück fuhr, wieder einstieg, fragte mich die Konduktorin nach meinem Ziel, zeigte mir die Haltestelle der Marschrutka und ließ mich ohne zweites Ticket zu bezahlen fahren.

Ich war ziemlich froh mich verständigen zu können, denn als normaler Tourist wäre ich aufgeschmissen gewesen.

Der Park des Peterhofes war wirklich wunderschön und abseits der Hauptwege mit den Touristenströmen konnte man sogar wunderbar Natur und Ruhe genießen. Zwischen den Spaziergängen zu den verschiedenen Springbrunnen, habe ich mich immer wieder mal auf eine Bank gesetzt, Bach gehört und gelesen und in diesen Momenten war alles perfekt.

Den Park hat Peter der Große zum Teil sogar selber zeichnerisch geplant, wobei die besondere Schwierigkeit in den Springbrunnen liegt, die natürlich alle völlig ohne Strom betrieben werden mussten, wobei jede Sekunde mehr als 30.000 Liter aus ihnen in die Höhe schießen.

JFG

Sankt Petersburg (1)

18 Jun

Nachdem ich zwei Nächte und einen Tag im Zug verbracht hatte, bin ich gestern Morgen in Sankt Petersburg angekommen, wobei das Ende der Zugfahrt von einer verzweifelten Suche nach meinem Handy geprägt war, welches wohl verschwunden bleibt, denn auch jetzt ist es noch nicht wieder aufgetaucht, was besonders blöd war, weil es die einzige Möglichkeit zur direkten Kontaktaufnahme mit Benjamin, dem ASF-Freiwilligen hier, war, doch zumindest das Problem scheint jetzt gelöst.

Im Hostel angekommen wurde ich auf den Abend vertröstet, was mir erst einmal wenig Sorgen bereitete nachdem ich das Gepäck abgestellt und eine Dusche genommen hatte.

Als ich dann am Abend jedoch zurückkam, durfte ich noch umziehen: das 14-er-Zimmer (es zu buchen hatte mich schon allein in Unbehagen versetzt) war bereits mit 17 Personen überfüllt und ließ keinen Platz mehr für mich.

Besänftigt wurde ich von der netten Atmosphäre mit den Angestellten im anderen Hostel, die sich wirklich lieb kümmerten und heute bin ich dann auch im eigentlich gebuchten Hostel – im Vierer-Zimmer. Ich bin mal gespannt, ob noch weitere Umzüge auf mich warten, aber nun zur Stadt selbst:

Gestern bin ich einfach nur herumgebummelt um mir einen Überblick zu verschaffen, habe schon die Christus-Auferstehungs-Kirche besucht – sie ist der Basilius-Kathedrale in Moskau nachempfunden, aber von der Innengestaltung ganz anders (ich würde behaupten schöner als das Original) mit Mosaiken, wo man nur hinsehen kann in einem einzigen Kirchenraum (in Moskau sind es neun ganz unterschiedliche Kirchenräume) – und das Fort Peters I. (des Großen).

Heute hatte ich dann die Eremitage eingeplant. Nach dem ich mich bereits eine Stunde vor Einlass in die Schlange gereiht hatte, war einer der ersten, die heute Morgen um 10.30 Uhr Zulass hatten und war einer der Letzten, die das Museum um 18.00 Uhr verließen, mit dem Ergebnis schmerzender Beine und dem Wissen, nur einen Bruchteil gesehen zu haben, sodass ich wahrscheinlich morgen noch ein zweites Mal gehen werde.

Doppelt ärgerlich ist hier, dass wir keinen Zivildienstausweis oder ähnliches haben, denn ich bezahle den vollen Ausländerpreis, der das Vierfache vom Erwachseneneintritt für Russen beträgt – satte 400 Rubel. Auch beim Audioguide vertraue ich auf mein Deutsch und zahle 100 Rubel drauf – 350 Rubel, was eine satte Summe für einen Tag Museum ist, doch abschrecken soll das nicht, denn auch wenn ich mich nicht auf ein schönstes Museum festlegen kann, das beeindruckenste ist es alle Mal. Was auf den Straßen nicht gelingt, gelingt in diesem Museum; es übertrifft Wien in seinem Prunk, aber tut dies nicht mit kopfschmerzenbereitender Reizüberflutung, sondern auf unglaublich angenehme Weise. Vor allem die mittigen Kuppelsäle mit gläsernem Dach sind ein unbeschreiblicher Segen für die großformatigen Gemälde darin, weil die Bilder aus jeder Perspektive reflektionsfrei zu betrachten sind. Aus mir spricht hier sicherlich kein großer Kunstkenner, aber kennt ihr das nicht auch aus Museen – besonders bei alten Ölgemälden -, dass man ständig gegen die Reflektion des Lichtes kämpft um überhaupt stückweise das Bild zu erkennen?

Über die Ausstellung brauche ich wohl kein Wort zu verlieren, denn es bliebe nicht bei einem Wort – es sind einfach alle großen Namen vertreten und es kann kein Zweifel über die Einmaligkeit der Sammlung bestehen.

Morgen werde ich mir dann auch mal die neueren Werke vornehmen, nachdem ich heute bei den alten Meistern – vor allem Italiens – war.

Für die weißen Nächte hatte ich dann leider keine Kraft mehr, obwohl  mir auf meinem Heimweg heute Abend Massen von Menschen auf dem gesperrten Nevski-Prospekt entgegenkamen.

JFG